R O L A N D    B R O C K M A N N    Journalist

154086025

Ethiopia - Afar pastoralists carrying water home to their huts    - find out more...

DR Congo - Mining town Numbi in South Kivu    - find out more...

Ethiopia - A tent school for Afar pastoralists    - find out more...

Tajikistan - Beekeeper in the Zerafshan Valley    - find out more...

Indonesia - Woman praying in a mosque of Banda Aceh six month after the tsunami

Cuba - Urban situation near to the Malecón in Havana

Burundi - navvies in the forest

Mozambique - Loitering street kids in Maputo

Liberia - Distribution of mosquito-nets

Liberia - Distribution of mosquito-nets

Somalia - Dried up riverbed in Hargeisa

Westbank - Young boy in a Jewish settlement near Nablus

Westbank - Playground in the village of a Christian minority near Nablus

Kenya - Cattle owner near Garissa at his water hole

DR Kongo: Kampf um Koltan

Numbi ist wie Klondike im Kongo - nur ohne Schnee. Dafür gibt es hier Kassiterite und Koltan - ohne die Sie kaum diesen Text lesen könnten; vor allem das seltene Koltan braucht es für die Herstellung von Handys und Tablets - über zwanzig Prozent davon stammen aus der Demokratischen Republik Kongo. Klondike 2.0 also.

Ein aus Brettern zusammengezimmertes Minenkaff auf 2.500 Metern Höhe im Osten des Kongo, Provinz Süd Kivu, in das man es jetzt, während der Regenzeit, selbst mit einem Toyota Landcruiser kaum schafft. Wo ein gegrilltes Huhn 20 US-Dollar kostet, alle Lebensmittel teuer sind, schon weil nichts mehr angebaut wird – lockt die reichere Ernte doch in der Erde.

Numbi: vor zehn Jahren noch beherrscht von Rebellen, inzwischen wieder kontrolliert durch die kongolesisches Armee (FARDC) und erst seit einem halben Jahr selbst ans Mobilfunknetz angeschlossen: zwölf Kirchen, vier Hotels, fünf Bars plus ungezählte Schankstätten von "Ntole" – dem local brew aus Hirse, Zucker und Teeblättern. Zwischen 6.000 und 8.000 Einwohner - achtzig Prozent davon in den umliegenden Minen tätig. Befriedetes ehemaliges Bürgerkriegsgebiet.

Auf den umliegenden sattgrünen Wiesen grasen schwarz-weiß gefleckte Kühe, ganz wie auf einer deutschen Alm. Die schlammige Hauptstraße konzentriert sich auf Fußgänger in Gummistiefeln und Mopedverkehr, am Dorfende liegt ein holpriger Bolzplatz, von dort führt ein geschlängelter Weg hinaus ins erhoffte Glück, den jetzt auch Audry Bagalwa Bialura, 40, entlang läuft.

Dreißig Minuten Fußmarsch nach Fungamwaka, ein riesiges Loch, von Minenarbeitern ins Grün der Wiese gebuddelt. Männern wie Audry, dem, einst selbst Bauer, im Rebellenkrieg sein Vieh gestohlen wurde und der sich seitdem als Kleinschürfer verdingt. Zunächst auf der Suche nach Gold und nun hier, als unterstes Glied der Ausbeutungs-Kette wertvoller Erze wie Koltan.

Legal, wie in Fungamwaka oder illegal wie in den meisten anderen Minen des Ostkongo, wo fast immer Kleinbergbau ohne Industrialisierung betrieben wird, es daher kaum eine Kontrolle gibt. Stattdessen viele undurchsichtige Machenschaften und Akteure, die sich am Geschäft mit den Mineralkonzentraten bereichern. Vor allem entlegene Minen in den weiten Waldgebieten bilden ein Eldorado für bewaffnete Gruppen, die von den Schürfern Zwangsabgaben eintreiben und sich so finanzieren - auch um sich wieder mit Waffen zu versorgen. Manche Gruppen bestehen nur, um sich so bereichern zu können.

"Aber auch Einheiten der kongolesischen Armee und Regierungsangestellte, die mit der Verwaltung der Minen betraut sind, pressen den Schürfern illegale „Steuern“ ab", sagt Dr. Sylvia Sergiou, Fachkraft des deutschen Zivilen Friedensdienstes in Bukavu: „Der kongolesische Staat muss seine vorhergesehene Rolle einnehmen, nur dann kann ein gerechter und schließlich friedlicher Abbau der für die lokale Wirtschaft so wichtigen natürlichen Ressourcen ermöglicht werden.“

In Hochzeiten konnten selbst die Schürfer noch gutes Geld verdienen. Doch seit der Boom vom "neuen Gold" abgeflaut ist, machen viele von ihnen eher Schulden. Das Zinnerz bringt in der Provinzhauptstadt Bukavu pro Kilo aktuell nur noch 5 Euro, Koltan immerhin noch 20 Euro. Audry haust in einem einfachen Bretterbau von Numbi, nicht mal eine Matratze besitzt der Mann:

"Verdient habe ich bislang rein gar nichts. Stattdessen musste ich mir für meine Lizenz als Schürfer, die Miete oder Essen immer wieder Geld vom Boss leihen. Das Leben in Numbi ist teuer und unsere Ausbeute viel zu gering."

Eine legale Mine wird von einer Kooperative gemanagt. Von ihr pachten Unternehmer Abschnitte zur Ausbeutung - und heuern dann Arbeiter wie Audry an. Der Gewinn wird aufgeteilt. 50 Prozent gehen an den Pächter - den "Boss". Die Erze werden wie in alten Goldgräberzeiten mit der Schaufel aus dem Sand gewaschen. Nicht selten kommt es beim Graben zu Erdrutschen. Sicherheitshelme oder -stiefel trägt in Fungamwaka trotzdem keiner. Immerhin ist hier Kinderarbeit verboten. Frauen dürfen nur leichte Tätigkeiten verrichten.

Die staatliche Minenaufsicht SAESSCAM registriert alle Rohstoffe die Fungamwaka verlassen, versiegelt sie in Plastiktüten. Die lokalen Händler indes öffnen die Beutel sofort wieder, um zunächst Schmutz und Eisen, und dann mit einem einfachen Magneten auch das wertvolle Koltan vom Kassiterit zu trennen. Bereits hier hört die Kontrolle natürlich auf, fängt die Grauzone an. Gerne etwa werden über Nacht Rohstoffe aus illegalen Minen in offizielle Minenzonen geschafft.

Tatsächlich liefen die Geschäfte aus Sicht vieler Akteure früher ohnehin besser; vor allem vor dem "Dodd-Frank Act": Das US-Gesetz verbietet amerikanischen Unternehmen seit 2010 Rohstoffe zu verwenden, die dazu dienen, den bewaffneten Konflikt im Kongo zu finanzieren.

"Der Dodd-Frank-Act war gut gemeint", so Eric Kajemba von Observatoire Gouvernance et Paix (OGP), einer lokalen Partnerorganisation von Misereor: "Am Ende haben die Exportbeschränkungen aber der ganzen Region geschadet, die nun mal von den wertvollen Erzen lebt."

Denn mit den sinkenden Exporten brachen auch die kongolesischen Steuereinnahmen ein. Und all die Bemühungen, den illegalen Abbau von Koltan & Co zu unterbinden, etwa durch komplizierte Zertifizierungsstrategien sauberer Minen, kosten zunächst mal Geld. All der Kontrollaufwand drückt den Gewinn, wie Faustin Serushago erzählt:

"Der Weltmarktpreis passt sich ja nicht an," so der Exporteur aus Bukavu, der Provinzhauptstadt von Süd Kivu: "Alle Kosten - die Steuern, Gebühren - finanzieren am Ende die Minenarbeiter."

Gehen also zu Lasten von Leuten wie Audry Bialura: "In den letzten Monaten konnte ich keinen einzigen Franc an meine Familie schicken." Warum hört er nicht einfach auf, wird wieder Farmer? "Nachhause kann ich auch nicht, man würde mich wegen der Schulden sofort verhaften. Außerdem habe ich ja kein Vieh mehr."

Im Osten des Kongo ruht alle Hoffnung nach wie vor auf dem Abbau der wertvollen Erze. Vor allem Geschäftsleute aus der Stadt kaufen fruchtbare Landflächen auf, lassen diese dann brach liegen, in der Hoffnung, dass dort irgendwann Koltan oder gar Gold entdeckt wird; so wie in der Geschichte von der Kuh, die an einem Hang ausrutschte und so zufällig ein Vorkommen freilegte - eine immer wieder gern beschworene Erfolgsstory aus den Zeiten des Koltan-Booms.

Die aktuelle Tristesse zeigt sich am Wochenende nicht zuletzt in den leeren Bars von Numbi. Wo einst Dreiviertelliterbiere der Marke "Primus" kaum schnell genug nachgereicht werden konnten, Prostituierte sich auf der Tanzfläche drängten, da starren heute ein paar versprengte Gestalten auf die Übertragung der Premier League, oder suchen gleich ihr Heil im Gottesdienst - strömen am Samstagnachmittag zur Open Air-Veranstaltung der Adventisten. Hoffnung auf ein Leben nach dem eines einsamen Schürfers.

Die ganze Geschichte erinnert etwas an die industrielle Revolution, als bei uns Bauern ihre Scholle aufgaben, um in den Fabriken ihr Glück zu suchen, zu kaum weniger schlimmen Bedingungen als heute in den Minen des Kongo, - aber doch mit der Vision einer Verbesserung, die dann durch Sozialsysteme und Fortschritt teils ja auch verwirklicht wurde.

Audry kann sich nicht mal genug zum Essen kaufen. Vor allem aber treibt ihn die Sorge um die Familie um, seine Frau daheim: hat sie sich bereits einen anderen gesucht? Wer kein Geld schickt, verliert im Kongo schnell an Einfluss.

Und jetzt will auch die EU die Exporte aus Bürgerkriegsregionen begrenzen, dabei stets im Blick die moralische Verantwortung der reichen Industrienationen. Westliche Aktivisten fordern vom westlichen Verbraucher keine "Bluthandys" mehr zu kaufen. Während lokale NGOs wie OGP genau davor warnen, weil generelle Importverbote die Region nur weiter schwächen würden.

"Wir müssen die Arbeitsbedingungen der Schürfer verbessern. Schulen und Straßen bauen..." fordert Eric Kajemba von OGP: "Und den illegalen Handel unterbinden."

Nur wie?

Ein wirksames Werkzeug dafür wird gerade im Hinterzimmer des geologischen Museums in Bukavu entwickelt, mit deutschem Steuergeld, durch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die simple Idee: ein geologischer Fingerabdruck - ähnlich einem Vaterschaftstest, der die Abstammung der Erze bestimmt. Ein kleines Labor, mit großen Möglichkeiten:

Internationale Geologen, wie die Schweizerin Désirée Ruppen entnehmen in den Minen Proben, schicken diese dann aufbereitet ins Hauptlabor nach Hannover, wo die Zusammensetzung mittels Massenspektrometer genau ermittelt werden kann, und damit aus welcher Mine die Probe stammt. Einmal katalogisiert, wird damit jede Lieferung verfolgbar, auch wenn dessen Herkunft vorher verschleiert wurde - dies auch noch in einem aufgebrachten Laster etwa in Uganda oder Burundi. Material aus einer als illegal eingestuften Mine könnte sofort beschlagnahmt werden.

Allerdings müssen Geologen wie Désirée Ruppen dazu zunächst Proben auch in entlegenen, unsicheren Minen nehmen. "Manchmal," so Frau Ruppen, "sind wir stundenlang in unwegsamen Gebiet im Regenwalt zu Fuß unterwegs. Natürlich sind wir uns möglicher Gefahren bewusst, ängstlich darf man in diesem Job nicht sein."

Audry Bialura versteht nichts von wissenschaftlichen Analysen. Gefahr kennt er. Den Unterschied zwischen Minen der Warlords und den offiziellen Minen kennt er auch: "Da gibt es keine Waffengewalt, klar ist das besser!"

Nur, woher er das Geld nehmen soll, um seine Familie zu unterstützen und seine Frau zu halten, das weiß er noch immer nicht.

Seefahrt: Aye, aye, Smutje!

Manchmal zieht sich der Koch Boxhandschuhe an. Vor allem, wenn er sich einsam fühlt, in seiner Kabine auf dem D-Deck – zwischen den Holzimitatwänden mit ihren hübschen Kunstdrucken impressionistischer Maler, die ihm so unbekannt sind wie der Reederei wohl der Boxweltmeister im Weltergewicht, Manny Pacquiao, das Idol der Philippinen.

Michael F. Canag, Schiffskoch der „CMA CGM Vela“, boxt Thaikick; in seiner Freizeit natürlich, und vor allem nur, wenn keiner zuschaut. Die Crew würde ihn für überheblich halten, wenn er, der Koch, vor ihren Augen als Boxer auftauchen würde. Und auffallen will er, darin echter Filipino, auf keinen Fall, schon gar nicht in der engen Gemeinschaft an Bord. So viel Eigensinn könnte ja die Harmonie auf See gefährden. Und gerade als Koch trägt der 35-Jährige Verantwortung für die Stimmung an Bord. Oder wie Kapitän Wilhelm Cubasch es ausdrückt: „Stimmt das Essen, stimmt auch die Atmosphäre. Und unser Koch macht seine Sache sehr gut.“

Der hält jetzt gerade einen Bratenwender in der Hand, schmort Hühnerschenkel auf dem Elektroherd, während die „Vela“ von Southampton ihrem Heimathafen entgegenzieht, wo neu gebunkert wird. Endlich. „Ich kann ja auf See nicht einfach schnell zum Supermarkt“, erklärt der Koch. Okay, Skorbut brach unterwegs nicht aus. Doch frisches Obst und Gemüse sind knapp nach dem Zehn-Wochen-Törn von Hamburg über Rotterdam bis Hongkong und über Marokko wieder retour bis zum Burchardkai, wo sich das Schiff traditionell mit Proviant versorgt. Wo es deutsches Brot gibt, aber „keine dunkle Sojasauce“, wie der Koch bedauert – „ganz wichtig für die philippinische Küche. Oder Trockenfisch: Gibt es in Europa nicht !“ Überhaupt sei es schwieriger für die Mannschaftsmesse zu kochen, an Steuerbord, da, wo seine Landsleute essen – rund zwei Drittel der 24 Mann Besatzung stammen von den Philippinen.

„Für Filipinos muss alles nach Heimat schmecken. Selbst wenn der Fisch aus der Dose kommt “, erklärt der Koch, während er die Lautstärke seines iPods herunterdreht, der aus Aktivboxen die Kombüse mit heimischen Schlagern erfüllt. „Ölsardinen zum Beispiel – ‚nimm die von zu Hause‘, sagen sie. Oder Corned Beef: ‚Unser Corned Beef schmeckt besser !‘“ Ungewohnte Gewürze wie etwa Rosmarin würden bei seinen Landsleuten gar nicht ankommen.

Längst fällt es Canag leichter, den Wünschen der Offiziere gerecht zu werden – die meist aus Deutschland stammen oder aus Polen oder der Ukraine. „Die mögen es auch mal italienisch, französisch und sogar Reis.“ Filipinos mit Offiziersrang dagegen bevorzugen die Mannschaftsmesse. Nicht nur wegen des Speiseplans, auch wegen der Sprache und dem Gemeinschaftsgefühl.

Der Koch selbst mag es international, er schätzt sogar Kassler mit Sauerkraut. Mit der Thaiküche dagegen hat es der Thaikickboxer nicht: „Viel zu scharf !“ Canag hat einen feinen Gaumen. Dabei wollte er eigentlich Offizier werden, damals, als er noch im Decksdepartment arbeitete: als Ordinary Seaman. Aber dann stellte sich heraus, dass er etwas farbenblind ist. Ende der Laufbahn. Die Reederei riet ihm, in die Kombüse zu wechseln. Zunächst als Steward. „Was sollte ich tun? Auf den Philippinen gibt es keine guten Jobs.“

Das war vor sieben Jahren. Kurz darauf machte er sein Examen als Koch. Zu Hause in Manila; auch in deutscher Küche. Viele Rezepte lernte er später bei einem früheren Kapitän, „der war begeisterter Hobbykoch“. Doch Canags eigentlicher Guide durch die Kombüse bleibt „German Cooking“ von Dr. Oetker, seine kulinarische Bibel.

Die liegt stets griffbereit unter dem Bullauge, durch das er leider nicht den Horizont sieht, sondern nur Container – ein gestapeltes Meer aus bunten Farben. Gleich daneben hat er jetzt sein Handy gelegt, wie eine Angel auf der Suche nach Empfang. Von Southampton aus nähert sich die „Vela“ langsam der niederländischen Küste und damit dem Roamingpartner von Canags heimischem Provider.

Nachrichten von der Familie: das Wichtigste. E-Mails kann Canag zwar auch am Computer im Office des Schiffes austauschen – jedenfalls auf einem modernen Frachter wie der „Vela“, sechs Jahre alt, eines der größten Containerschiffe unter deutscher Flagge. Aber die Stimme seiner Frau Rosemarie zu hören oder die seiner kleinen Tochter, das sei doch etwas ganz anderes. Oder, noch besser, sie via Webcam live zu erleben. Aber das klappt nur an Land. Morgen Abend, nachdem der Proviant verstaut ist. Im Seemannsheim „Duckdalben“, gleich neben dem Burchardkai. „Da gibt es richtiges Internet .“

Mit dem Begriff Hafen assoziiert Michael Canag statt Mythen wie St. Pauli oder Reeperbahn eher Skype oder Facebook. Dort hat er eine eigene Seite, auf die seine Frau am anderen Ende der Welt die neuesten Bilder stellt; zurzeit vor allem vom Hausbau. Denn wenn der Koch im Juni nach sechs langen Schiffsmonaten von Hongkong aus heimfliegen wird, will die Familie umziehen. Und erst gestern, in Southampton, hat er auf Facebook entdeckt, dass ihr Haus inzwischen ein Dach hat.

„Das Wichtigste im Leben eines Seemanns“, sagt der Chefkoch, „ist die richtige Frau. Sie trifft die Entscheidungen daheim, während man selbst gerade die Ozeane durchquert. Kann sie das Geld nicht zusammenhalten, zerfällt auch die Familie.“ Und wurde er nicht in erster Linie ihretwegen Seemann – um für ihr Auskommen zu sorgen? Dies um den Preis, die Liebsten daheim selbst nur in Zeitsprüngen zu erleben. „Auf meinem letzten Trip habe ich in New York Schuhe für meine Tochter gekauft“, erzählt Canag. „Als ich dann zu Hause ankam, passten die nicht. Ich konnte es kaum glauben.“ – „Ja, weißt du denn nicht, dass deine Tochter wächst ?“, fragte Rosemarie.

Aber nicht immer stimmen Neuigkeiten froh: Die Krankheit naher Angehöriger etwa, das Gerücht vom Fremdgehen der Frau oder nur ein dummes Missverständnis drücken aufs Gemüt. In solchen Momenten also zieht Schiffskoch Michael seine Boxhandschuhe an. Um am nächsten Tag wieder mit dem Bratenwender in der Hand die Stimmung an Bord zu heben; über den Magen auch die Seele der Besatzung zu erreichen – wenigstens kulinarisch eine Brücke zur Heimat zu schlagen: mit Chicken Adobo an Steuerbord oder Lammrücken backbords bei den europäischen Offizieren. Oder umgekehrt die aktuelle Position zu betonen: „Ich muss ja auch entlang der Klimazonen kochen“, erklärt Canag. „Sauerkraut passt doch nicht zu den Tropen! Viel zu schwer. Da braucht man etwas Leichtes. In Asien passt chinesisch. In der Karibik serviere ich auch karibische Gerichte.“

In Zeiten moderner Tiefkühlkost geht auch auf einem Schiff zwar grundsätzlich fast alles, aber mit der Technik ist auch die Spontaneität vom Speisezettel verschwunden. Die Tage, als man unterwegs die Maschine stoppte, weil ein entgegenkommender Fischer mit einem Dorsch in der Hand auf seinem Boot wedelte, sind lange vorbei. Bis ein Schiff wie die „Vela“, mit 347 Meter Länge und 45 Meter Breite, zum Halt kommt, ist der Kutter längst am Horizont verschwunden. Solch einem Riesen kann nicht mal Seegang etwas anhaben. „Auf anderen Schiffen“, erzählt Canag, „vor allem in der Biskaya, droht mir alles zu verrutschen, da muss ich die Töpfe auf dem Herd festlaschen. Suppe? Ganz schwierig!“

Gerade macht es „pling“: Nachricht von seinem Bruder aus Manila. Der Koch legt das Gerät zurück, während die „Vela“ das IJsselmeer passiert. Kurz vor elf Uhr. Keine gute Zeit zum Antworten – im Topf brutzelt das Huhn. Drei warme Mahlzeiten muss er jeden Tag auf den Tisch bringen – jeweils für Offiziere und Mannschaft. Zur Hand geht ihm dabei nur der Steward, der in der Offiziersmesse auch serviert – heute Mittag Risotto mit Schweinefleisch. Für die Mannschaft gibt es Selbstbedienung am Buffet.

Der Koch als Chef. Im eigenen kleinen Reich aus Küchenstahl – genau in der Mitte der Bordhierarchie, direkt dem Kapitän unterstellt. 1700 US-Dollar im Monat bei einer Sieben-Tage-Woche. Der Antrieb des Schiffes mag im Maschinenraum bestimmt werden, der Kurs auf der Brücke, die kulinarischen Gänge aber in der Kombüse: im heimlichen Herzen des Schiffes, das gleichzeitig auch als private Nachrichtenzentrale fungiert. Hier erfährt man die wichtigsten Neuigkeiten: Wann legen wir an? Und wann wieder ab?

Manche wollen beim Koch auch nur ihren Kummer abladen, denn Canag steht ja immer zur Verfügung, wie festgenagelt vorm Herd, während alle anderen kommen und gehen. Ein jeder folgt seinen Aufgaben – vor allem bestimmt durch die Wachen. Canag freut sich über Besucher. Bei ihm seien vertrauliche Informationen sicher aufgehoben: „Ich bin doch kein Bordradio!“

„Schön wär’s“, sagt Kapitän Cubasch. Denn zu viel Gerede stört den Frieden. Jedenfalls meistens. Es gibt auch Momente, in denen Cubasch gezielt die Kombüse als Gerüchteküche nutzt – Nachrichten lanciert, manchmal auch falsche, etwa dass im nächsten Hafen der Reeder an Bord kommt oder eine junge Passagierin: „Das bringt alle wieder auf Trab.“

Mittagszeit. Canag mixt noch schnell einen Salat. Jetzt nur noch die Pantry putzen, oben in seiner Kabine wartet die Couch. Breaktime bis halb fünf. Dann geht’s im Fahrstuhl wieder in die Kombüse. Auf zum letzten Gericht auf See.

Am nächsten Morgen macht die „Vela“ Punkt acht Uhr fest. Canag steht da längst in seinem Reich. Omeletts, Spiegeleier. Kalt ist es in Hamburg. Der Caterer wartet bereits am Kai – und dahinter die Seemannsmission „Duckdalben“. Doch bis zum Log-in auf Facebook muss der Koch sich noch gedulden. Seine Laune stimmt trotzdem. Heute bleiben die Boxhandschuhe im Schrank.

Roland Brockmann is a Berlin-based Reporter, Photographer, Camera operator and Video producer.


brockmann.roland@gmail.com

+49(0) 176 82204680
10178 Berlin
Oranienburger Straße 87